Bettina Schraps – Es gibt keinen Aus-Knopf für Angst

Bettina Schraps - Kolumne 2

August 28, 2026

Die Kolumnen von Bettina

Von Bettina erscheinen in regelmäßigen Abständen Kolumnen in Pferdesportmagazinen. Sie schreibt in ihren Kolumnen über ihre tägliche Arbeit mit den Pferden sowie die Ziele ihrer Arbeit mit den Pferden. In der ersten Kolumne geht es um ihre Motivation zur Ausbildung zur Pferdeverhaltenstrainerin am Institut für Verhalten und Kommunikation (IVK).

Kolumne 2 - Es gibt keinen Aus-Knopf für Angst

Bettina Schraps ist Pferdewirtschaftsmeisterin Klass. Reitausbildung, Trainer A Leistungssport und hat an der Uni Göttingen Pferdewissenschaften (M. Sc.) studiert. Für unsere Leser sucht sie in ihrer einjährigen Ausbildung zur Pferdeverhaltenstrainerin am Institut für Verhalten und Kommunikation (IVK) in Einbeck Antworten auf Fragen, die die aktuelle Entwicklung im Pferdesport aufwirft.

Es liegt in der Natur des Fluchttieres, Angst zu haben: wenn uns der Mähdrescher entgegenkommt, der Wasserschlauch wie eine Schlange liegt oder die Zäunchen beim Dressurturnier weißer glänzen als zu Hause. Natürlich kann man Pferde geschickt an vielerlei Umweltreize gewöhnen. Und trotzdem kann der Dressurkracher, der in der vertrauten Umgebung in den Regenschirm beißt, komplett irritiert sein, wenn derselbe Regenschirm während der Prüfung am Rande des Vierecks seine Funktion erfüllt. Warum ist das so? 

Wer hat nicht schonmal die Reaktion seines Pferdes als irrational empfunden? Das Pferd entscheidet durchaus aus dem Bauch heraus. Sein Verhalten ist abhängig von seiner Stimmung und der Beziehung zu seinem Menschen. Ist es grundsätzlich gestresst – z. B. durch Trainingsanforderungen, denen es sich nicht gewachsen fühlt – und unsicher, ob es sich auf seinen Menschen verlassen kann, wird es eher ein Meideverhalten zeigen und auf Abstand gehen. Sind seine natürlichen Bedürfnisse erfüllt und ist es entspannt, weil es sich verstanden fühlt und seinem Menschen vertraut, wird es offen für Neues sein. 

An dieser Stelle setzt die Bodenarbeit ihren Hebel an. Ebenso wie die lösende Arbeit unter dem Sattel zielt sie auf Losgelassenheit und Durchlässigkeit ab. Ich sichere mir als souveräner Führender meinen Raum und darf Teile meines Pferdes oder das ganze Pferd verschieben – vorwärts, rückwärts und seitwärts. Das Pferd lässt meine Raumforderung durch, es wird durchlässig im wahrsten Sinne des Wortes.

Wichtigste Belohnung dieser Arbeit: die Entspannungspause. Erfüllt das Pferd meine Forderung nach Raum oder reagiert es unter dem Sattel angemessen auf die Schenkelhilfe, muss sofort der Druck nachlassen, damit das Pferd seine Reaktion als erwünscht einstufen kann. Das richtige Timing ist entscheidend. Hier kann man am Boden etwas klarer belohnen durch „Nichtstun“ – eine entspannte Pause, bei der der Fokus klar vom Pferd weg ist und es lernt, sich aus der Situation heraus mit uns zu entspannen.

Unter dem Reiter ist das schwieriger, denn das Reitergewicht – ja auch eine Form von Druck – ist immer da. Dr. Reiner Klimke empfiehlt in seiner „Grundausbildung des jungen Reitpferdes“ nach dem ersten gelungenen fliegenden Wechsel abzusteigen. Sofort. Gurt lösen und das Pferd trocken führen. So einfach und verblüffend logisch. 

Ich kann also Entspannung aktiv trainieren und in den Sattel mitnehmen. Da sich Mensch und Pferd co-regulieren, muss ich auch selbst Gedanken, Atmung und Herzfrequenz im Griff haben. Dann sind wir gemeinsam unbesiegbar.

Ich würde mich über einen Kommentar sehr freuen.

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