Eine Plane liegt auf dem Boden, ein Regenschirm wird geöffnet oder ein großer Ball rollt über den Reitplatz. Das Pferd soll ruhig bleiben, sich dem Gegenstand nähern und am Ende möglichst gelassen daran vorbeigehen. So oder ähnlich sieht Umwelttraining in vielen Fällen aus.
Dahinter steht häufig ein nachvollziehbarer Wunsch: Das Pferd soll im Alltag sicherer werden und bei unbekannten Reizen nicht sofort mit Anspannung oder Flucht reagieren. Doch Umwelttraining kann deutlich mehr bewirken, als ein Pferd an einzelne Gegenstände zu gewöhnen.
Es kann dem Pferd helfen, seine Umwelt bewusster wahrzunehmen, Informationen besser zu verarbeiten, den eigenen Körper gezielter einzusetzen und selbstständig Lösungen zu entwickeln. Entscheidend ist dabei weniger, welche Gegenstände wir verwenden. Viel wichtiger ist, wie wir die Begegnung mit ihnen gestalten.
Gelassenheit ist nicht gleich Lernfähigkeit
Auf den ersten Blick scheint eine Übung gelungen, sobald das Pferd ruhig an einem Gegenstand vorbeigeht. Trotzdem lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Hat das Pferd den Reiz wahrgenommen und sich aktiv mit ihm auseinandergesetzt? Konnte es sich einen Moment Zeit nehmen, um zu schauen, zu riechen oder den Gegenstand vorsichtig zu berühren? Hat es selbst einen Weg gefunden, mit der Situation umzugehen? Oder ist es lediglich einer Aufforderung gefolgt und hat gelernt, dass seine eigene Reaktion keine Rolle spielt?
Ein Pferd, das stillsteht, ist nicht zwangsläufig entspannt. Ebenso wenig bedeutet ein Pferd, das zögert oder einen Gegenstand zunächst aus der Entfernung betrachtet, dass es die Aufgabe verweigert. Es könnte gerade damit beschäftigt sein, Informationen zu sammeln und die Situation einzuschätzen.
Genau diese Prozesse sind für nachhaltiges Lernen wichtig.
Das Ziel sollte daher nicht nur darin bestehen, eine sichtbare Reaktion möglichst schnell verschwinden zu lassen. Viel wertvoller ist es, dem Pferd Erfahrungen zu ermöglichen, die es bei der nächsten unbekannten Situation nutzen kann.
Ein Pferd nimmt seine Umwelt mit allen Sinnen wahr
Menschen beurteilen Herausforderungen häufig zuerst mit den Augen. Wir sehen eine Plane, einen flatternden Vorhang oder eine Pfütze und entscheiden, dass davon keine Gefahr ausgeht. Für das Pferd besteht dieselbe Situation jedoch aus deutlich mehr Informationen.
Die Plane bewegt sich im Wind, verändert ihre Form und erzeugt Geräusche. Sie riecht möglicherweise ungewohnt und fühlt sich unter den Hufen anders an als der bekannte Boden. Eine Pfütze spiegelt das Licht, besitzt keine eindeutig erkennbare Tiefe und verändert beim Hineintreten den Widerstand unter dem Huf. Ein Baumstamm verlangt nicht nur Mut, sondern auch eine genaue Einschätzung der eigenen Bewegungen.
Umwelttraining spricht deshalb verschiedene Wahrnehmungsbereiche gleichzeitig an. Das Pferd muss sehen, hören, riechen, fühlen und die einzelnen Informationen miteinander verbinden. Gleichzeitig muss es seinen Körper koordinieren und entscheiden, wie es sich in dieser Situation bewegen möchte.
Damit wird aus einer vermeintlich einfachen Gelassenheitsübung eine anspruchsvolle Lernaufgabe.
Nicht der Gegenstand entscheidet über den Lernerfolg
Ein Pferd kann lernen, über eine bestimmte blaue Plane auf seinem vertrauten Reitplatz zu gehen. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass es eine grüne Plane auf einem fremden Platz ebenso sicher bewältigt. Noch weniger bedeutet es, dass es sein Wissen direkt auf eine Pfütze, eine Brücke oder einen ungewohnten Untergrund übertragen kann.
Lernen ist immer an Erfahrungen und Zusammenhänge gebunden. Damit ein Pferd Wissen flexibel nutzen kann, braucht es unterschiedliche Gelegenheiten, ähnliche Anforderungen in veränderten Situationen zu bewältigen.
Dabei geht es nicht darum, ständig neue Schreckreize aufzubauen. Vielfalt kann bereits durch kleine Veränderungen entstehen: ein anderer Untergrund, eine neue Bewegungsrichtung, wechselnde Lichtverhältnisse oder dieselbe Aufgabe an einem anderen Ort.
Das Pferd sammelt dadurch keine bloße Liste bekannter Gegenstände. Es entwickelt Strategien für den Umgang mit Neuem.
Es kann lernen, zunächst Abstand zu halten, genauer hinzusehen, den Hals zu senken, zu riechen oder vorsichtig einen Huf vorzustellen. Es erlebt, dass es Informationen sammeln und auf dieser Grundlage handeln kann. Genau diese Fähigkeit hilft ihm später auch in Situationen, die wir nicht vorbereiten konnten.
Selbstständiges Entdecken verändert die Rolle des Pferdes
Im klassischen Training geben Menschen häufig jeden einzelnen Schritt vor. Sie bestimmen die Richtung, das Tempo, den Abstand und den Zeitpunkt der Annäherung. Das kann in bestimmten Situationen aus Sicherheitsgründen notwendig sein. Wird jedoch jede Entscheidung übernommen, bleibt dem Pferd wenig Raum, eine eigene Lösung zu entwickeln.
Umwelttraining bietet die Möglichkeit, diese Rollenverteilung bewusst zu verändern.
Das Pferd darf zunächst beobachten. Es kann den Gegenstand aus verschiedenen Positionen wahrnehmen und selbst entscheiden, ob es sich annähern möchte. Der Mensch sorgt für einen sicheren Rahmen, ohne jede Bewegung vorwegzunehmen.
Dabei können wir viel über das Pferd erfahren. Nutzt es zuerst seine Augen oder möchte es den Gegenstand beriechen? Bleibt es stehen, weicht es seitlich aus oder sucht es die Nähe des Menschen? Wird seine Bewegung langsamer und kontrollierter oder steigt die Spannung zunehmend?
Es gibt nicht den einen richtigen Lösungsweg. Entscheidend ist, ob das Pferd ansprechbar bleibt, Informationen verarbeiten kann und sich innerhalb einer für es bewältigbaren Herausforderung bewegt.
Erfolgreiche Erfahrungen stärken dabei mehr als die Gelassenheit gegenüber einem bestimmten Reiz. Das Pferd erlebt, dass sein eigenes Handeln etwas bewirkt. Es kann Abstand herstellen, Informationen sammeln, eine Entscheidung treffen und die Situation bewältigen. Damit wächst die Überzeugung, auch zukünftigen Herausforderungen nicht hilflos ausgeliefert zu sein.
Auch der eigene Körper gehört zur Umweltwahrnehmung
Unebene Wege, verschiedene Bodenarten, kleine Erhöhungen oder sorgfältig angeordnete Stangen fordern das Pferd auf eine andere Weise als ein klassischer Schreckreiz. Hier geht es weniger um das Aushalten eines unbekannten Gegenstandes und stärker um die Wahrnehmung des eigenen Körpers.
Das Pferd muss einschätzen, wo es seine Hufe aufsetzt, wie weit es ein Bein anheben muss und wie es sein Gleichgewicht anpasst. Es kann nicht nur einem eingeübten Bewegungsmuster folgen, da der Untergrund immer wieder neue Informationen liefert.
Solche Erfahrungen fördern das Körperbewusstsein und die Koordination. Das kann dem Pferd dabei helfen, sich auf wechselndem Terrain sicherer zu bewegen und seine eigenen körperlichen Möglichkeiten besser einzuschätzen.
Auch hier zeigt sich, weshalb Umwelttraining weit über Gelassenheit hinausgeht: Es verbindet Wahrnehmung, Bewegung, Lernen und eigenständiges Handeln.
Beobachte den Lernprozess, nicht nur das Ergebnis
Bei der nächsten Begegnung mit einem ungewohnten Reiz kannst du darauf achten, wie dein Pferd die Aufgabe bearbeitet:
- Bemerkt es den Reiz frühzeitig oder erst, als ihr bereits sehr nah seid?
- Welche Sinne nutzt es, um mehr über die Situation herauszufinden?
- Bleibt es körperlich ansprechbar und kann es seine Bewegungen kontrollieren?
- Zeigt es trotz einer gewissen Skepsis noch Interesse und Neugier?
- Bekommt es ausreichend Zeit, eine eigene Idee zu entwickeln?
- Wird es durch deine Unterstützung sicherer oder verlässt es sich vollständig auf deine Vorgaben?
- Kann es das Gelernte später auf eine ähnliche, aber veränderte Situation übertragen?
Diese Beobachtungen sagen häufig mehr über den Lernprozess aus als die Frage, ob das Pferd am Ende über die Plane gegangen ist.
Umwelttraining bereitet auf das Unvorhersehbare vor
Wir können unsere Pferde nicht auf jeden Gegenstand, jedes Geräusch und jede Situation vorbereiten. Die Umwelt wird immer wieder etwas bereithalten, das sie noch nicht kennen.
Wir können ihnen jedoch Erfahrungen ermöglichen, durch die sie lernen, mit Neuem umzugehen. Ein Pferd, das seine Sinne nutzen, seinen Körper einschätzen und eigene Lösungswege entwickeln darf, benötigt nicht für jede unbekannte Situation eine vollständig neue Anleitung.
Gutes Umwelttraining macht das Pferd daher nicht einfach unempfindlicher. Es unterstützt seine Fähigkeit, wahrzunehmen, zu verarbeiten und angemessen zu handeln. Der Mensch bleibt dabei ein verlässlicher Partner, ohne dem Pferd jede Entscheidung abzunehmen.
Ausführlich beschäftigen wir uns mit diesen Zusammenhängen in unserem Buch „SINNvoll lernen“. Dort verbinden wir die Grundlagen des Lernens und der Sinnesverarbeitung mit zahlreichen Anregungen, durch die Pferde ihre Umwelt bewusst erkunden, ihren Körper besser kennenlernen und mehr Selbstwirksamkeit entwickeln können.
Hier wird weiter gelernt:
Hier verbinden wir die Grundlagen des Lernens und der Sinnesverarbeitung mit zahlreichen Anregungen, durch die Pferde ihre Umwelt bewusst erkunden, ihren Körper besser kennenlernen und mehr Selbstwirksamkeit entwickeln können:
