Was passiert, wenn ich von meinem Pferd zu viel auf einmal verlange?

Das Training mit Pferden ist ein Balanceakt zwischen Herausforderung und Überforderung. Wenn wir unserem Pferd zu viel auf einmal abverlangen – sei es körperlich, emotional oder kognitiv –, kann das weitreichende Auswirkungen auf sein Verhalten, seine Lernfähigkeit und seine Gesundheit haben. In diesem Beitrag beleuchten wir sowohl die wissenschaftlichen Grundlagen als auch praktische Auswirkungen im Alltag. Du erhältst außerdem konkrete Hinweise und eine Checkliste, um Überforderung frühzeitig zu erkennen und sinnvoll zu handeln.

Theoretischer Hintergrund

Lernen funktioniert schrittweise

Pferde lernen durch Erfahrung, Wiederholung, Sicherheit und klare Signale. Lernen ist kein linearer Prozess, sondern geschieht durch die Verknüpfung von Wahrnehmung, Bewegung und emotionaler Bewertung. Wird ein Pferd in Situationen gebracht, die es noch nicht versteht oder in denen es die Anforderungen nicht bewältigen kann, blockiert nicht nur seine Fähigkeit zu lernen – es kann auch dauerhaft negativ geprägt werden.

Wenn wir zu schnell zu viel wollen, passieren vor allem zwei Dinge:

  1. Das Pferd kann den USP (Unique Stimulus Pattern) nicht erkennen, also nicht verstehen, was genau gemeint ist.
  2. Das Nervensystem wird aktiviert, Stresshormone steigen und Lernen kann nicht stattfinden.

Was passiert beim „überfordern“ wirklich?

1. Mentale Überforderung & Stressreaktionen

Wenn die Anforderungen größer sind als das, was ein Pferd bewältigen kann, tritt Stress auf. Stress ist ein natürlicher Mechanismus – er hat Pferden seit jeher das Überleben ermöglicht. Doch in einem Trainingskontext kann Stress schnell zu Hemmung, Blockaden oder Vermeidungsverhalten führen, z. B.:

・abruptes Stehenbleiben oder Ausweichen
・verzögerte oder unklare Reaktionen
・erhöhte Erregung (z. B. schnelle Atmung, Nervosität)
・Flucht- oder Kampfreaktionen (z. B. Bocken, Steigen)

Wenn ein Pferd innerlich angespannt ist, ist Lernen schlichtweg nicht möglich – der Fokus liegt in solchen Momenten auf dem Bewältigen der Stresssituation, nicht auf dem Verstehen der Aufgabe.

2. Physische Überforderung

Der Körper kann ebenfalls überfordert werden, wenn Aufgaben physiologisch über den aktuellen Fitnesslevel hinausgehen. Dies führt nicht nur zu kurzfristigem Leistungsabfall, sondern kann langfristig zu:
・Muskelzerrungen
Rücken- oder Gelenkbeschwerden
・chronischen Verspannungen
・Lahmheit oder Schmerzen

führen, weil die physischen Strukturen nicht genug Regenerationszeit bekommen.

3. Wenn Pferde „dichtmachen“

Ein Pferd, das häufig überfordert wird, zeigt mit der Zeit eine zunehmende Tendenz, „nicht mehr zuzuhören“ oder sich ganz zu verschließen. In der Lernpsychologie wird dies als Learned Helplessness beschrieben – ein Zustand, in dem das Pferd lernt, dass es egal ist, was es tut, weil „Antworten trotzdem keine Konsequenz zeigen“. (Mehr dazu findest du übrigens in dieser Studie)

Ein solches Verhalten ist kein „böser Wille“, sondern ein Schutzmechanismus des Nervensystems.

Kernbotschaft

Aus meiner Sicht entsteht Überforderung genau dort, wo wir als Menschen zu komplexe Fragen stellen, bevor das Pferd die Grundlagen verstanden hat. Wenn mehrere Signale gleichzeitig gegeben werden oder Situationen zu groß sind, verliert das Pferd den roten Faden.
Das führt zu innerer Spannung, Verweigerung und emotionalem Rückzug – und schafft genau das Gegenteil von dem, was wir eigentlich erreichen wollen: Sicherheit, Vertrauen und Lernfortschritt.

Tipps für den Alltag: So verhinderst du Überforderung

1. Eine Frage nach der anderen

Stelle immer nur eine Aufgabe auf einmal.
Beispiel: erst Vorwärts, dann eine Wendung – nicht beides gleichzeitig.
Wenn das Pferd auf die erste Frage zuverlässig reagiert, kannst du eine nächste hinzufügen.

2. Kleinste Teilziele aufbauen

Komplexe Bewegungen sollten in kleine, sequenzierte Schritte zerlegt werden.
 Beispiel:

・Schritt 1: Gleichmäßiger Schritt
・Schritt 2: Schritt mit Richtungskontrolle
・Schritt 3: Schritt mit Blick in neue Richtung

So entsteht Verstehen statt Zufall.

3. Ruhephasen aktiv einplanen

Pausen sind kein „Ausruhen“, sie sind Teil des Lernprozesses. Bewegung und Ruhe wechseln sich ab, damit Muskeln, Gehirn und Nervensystem integrieren können.

4. Beobachte körperliche & mentale Signale

Frühzeichen von Überforderung können sein:

・Zögernde Reaktionen
・Schnelle, flache Atmung
・Körperspannung oder Fluchtverhalten
・Leistung anfangs gut, später deutlich schlechter

Wenn du diese erkennst, reduziere die Aufgabe oder biete einen vertrauten, leichteren Schritt an.

5. Evaluation & Variation statt Dauerwiederholung

Zu viel Wiederholung ohne Variation ist oft kontraproduktiv. Variation bei klarer Struktur stärkt Lernprozesse und erhält Motivation.

Fazit

Zu viel auf einmal zu verlangen führt nicht zu besserem Training sondern zu Blockaden, Stressreaktionen und Lernhemmung.
Wenn wir wissen, wie Pferde lernen – schrittweise, körperlich eingebettet, emotional verknüpft – dann können wir unserem Pferd Lernprozesse geben, die nachhaltig und stressfrei sind.

Lernen gelingt nicht durch Druck, sondern durch Verständlichkeit, Sicherheit und konsequente Klarheit.

Hier wird weiter gelernt:

In meinem Buch "Mein Pferd kann's!" findest du neben der Theorie kreative Aufgaben, um das Lernen deines Pferdes erfolgreich zu fördern.

Ich würde mich über einen Kommentar sehr freuen.

Annett Hellbach Antwort abbrechen

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  1. Ich habe dein Buch und arbeitet jetzt danach 👍 Letztes Jahr hatte ich eine Trainerin bei mir zu Hause MKA die mehrere Lektionen abfragte und das ist genau das Problem gewesen, was du hier beschreibst. Es war viel zu viel. Pferd kaute und mir wurde vermittelt jetzt lernt es. Ich bin der Meinung das Kauen war ehr Stress. Mir wurde auch viel zu viel mit dem Stick gemacht, obwohl meine Stute schon sehr gut auf nur Körpersprache reagiert.
    Lerne gerade viel dazu, was genau dieses Thema betrifft
    Danke für den tollen Beitrag

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