Wenn ich mit Menschen über Koppen oder Weben spreche, höre ich sehr häufig dieselbe Frage: „Warum macht mein Pferd das und wie bekomme ich es wieder weg?“
Diese Frage ist nachvollziehbar. Denn stereotypes Verhalten wirkt auf den ersten Blick befremdlich, manchmal sogar beunruhigend. Und es ist schwer auszuhalten, etwas zu sehen, das wir nicht einordnen können.
Gleichzeitig liegt in genau dieser Frage schon ein wichtiger Hinweis: Solange wir nur nach dem Abstellen suchen, übersehen wir oft das, was das Pferd uns mitteilt.
Verhalten als Versuch der Selbstregulation
Was wir sehen - und was dabei wirklich passiert
Koppen und Weben zählen zu den sogenannten stereotypen Verhaltensweisen.
Das sind gleichförmig wiederholte Bewegungen oder Abläufe, die scheinbar keinen Zweck erfüllen. Aus Sicht des Pferdes sind sie jedoch alles andere als sinnlos.
Diese Verhaltensweisen entstehen nicht plötzlich. Und sie entstehen auch nicht, weil ein Pferd „etwas falsch gelernt“ hat.
Sie entstehen, wenn ein Nervensystem über längere Zeit versucht, mit innerer Spannung umzugehen – und dafür kaum andere Möglichkeiten zur Verfügung stehen.
Mir ist wichtig, deutlich zu machen: Pferde beginnen nicht zu koppen oder zu weben, weil sie das wollen.
Sie beginnen damit, weil ihr System einen Weg sucht, Spannung zu regulieren.
Pferde sind Fluchttiere. Ihr gesamtes Nervensystem ist darauf ausgelegt, schnell auf Veränderungen zu reagieren. Wenn diese Reaktionsbereitschaft jedoch dauerhaft aktiviert ist und nicht ausreichend abgebaut werden kann, entsteht chronische innere Anspannung.
Rhythmische, wiederholte Bewegungen können dabei helfen, das eigene Erregungsniveau kurzfristig zu senken. Studien zeigen, dass bei solchen Verhaltensmustern unter anderem stressreduzierende Prozesse im Körper angestoßen werden.
Das Verhalten ist also kein Defekt sondern ein Anpassungsversuch.
Warum nicht jedes Pferd gleich reagiert
Ein Punkt, der mir besonders wichtig ist:
Nicht jedes Pferd entwickelt unter ähnlichen Bedingungen stereotypes Verhalten.
Pferde unterscheiden sich:
・ in ihrer Stresssensibilität
・ in ihren frühen Erfahrungen
・ in ihren individuellen Bewältigungsstrategien
Das bedeutet:
Koppen oder Weben sagt nicht pauschal etwas über „schlechte Haltung“ aus, sondern über die Passung zwischen Pferd, Umwelt und Möglichkeiten.
Häufige Auslöser
Eingeschränkte Handlungsspielräume
Pferde haben im Alltag nur begrenzte Möglichkeiten, selbst Einfluss zu nehmen – auf Bewegung, Sozialkontakte oder Fütterung. Ein dauerhaftes Gefühl von Ausgeliefertsein erhöht die innere Spannung deutlich.
Erwartungs- und Frustrationsstress
Viele stereotype Verhaltensweisen treten in Erwartungssituationen auf – zum Beispiel vor dem Füttern oder bei Trennung von Artgenossen. Nicht die Situation an sich ist das Problem, sondern der innere Zustand, der dabei entsteht und nicht gelöst werden kann.
Chronische Überforderung
Entscheidend ist nicht der einzelne stressige Moment, sondern ein dauerhaft erhöhtes Stressniveau ohne ausreichende Erholung. In solchen Fällen wird Koppen oder Weben zu einem Ventil.
Warum Unterdrücken
keine Lösung ist
Ich halte es für sehr problematisch, stereotypes Verhalten lediglich unterdrücken zu wollen. Wenn wir Koppen oder Weben verhindern, nehmen wir dem Pferd seine Möglichkeit zur Selbstregulation, ohne die Ursache zu verändern.
Das kann dazu führen, dass sich:
・ die innere Spannung weiter aufbaut
・ andere Verhaltensauffälligkeiten entwickeln
・ oder das Pferd emotional abstumpft
Das bedeutet nicht, dass man dieses Verhalten ignorieren sollte.
Aber es bedeutet, dass wir sehr sorgfältig unterscheiden müssen zwischen Verstehen und Bekämpfen.
Was uns dieses Verhalten
eigentlich sagt
Koppen oder Weben zeigt mir:
・ Das Pferd ist innerlich nicht ausreichend reguliert
・ Es fehlen Alternativen zur Spannungsbewältigung
・ Das Nervensystem hat gelernt: So komme ich kurzfristig besser zurecht
Es handelt sich dabei nicht um Ungehorsam. Nicht um Boshaftigkeit. Und nicht um eine schlechte Angewohnheit. Sondern um Information.
Verantwortung übernehmen
Ich stelle mir in solchen Fällen nicht die Frage:
Wie bekomme ich das weg?
Sondern eher:
Was braucht dieses Pferd, um weniger Spannung aufbauen zu müssen?
Praxistipps: Worauf du achten kannst
Den Kontext beobachten
・ Wann tritt das Verhalten auf?
・ In welchen Situationen verstärkt es sich?
・ Wann wird es weniger?
Die Rahmenbedingungen prüfen
・ Bewegungsmöglichkeiten
・ soziale Stabilität
・ Fütterungsmanagement
・ Vorhersehbarkeit im Alltag
Training reflektieren
・ Wie hoch ist die emotionale Anforderung?
・ Gibt es ausreichend Pausen?
・ Darf das Pferd mitentscheiden?
Kleine Checkliste für den Alltag
Hat mein Pferd täglich ausreichend freie Bewegung?
Gibt es stabile soziale Kontakte?
Sind Fresspausen möglichst kurz gehalten?
Erlebt mein Pferd Situationen von Selbstwirksamkeit?
Achte ich auf frühe Stressanzeichen oder erst auf das sichtbare Verhalten?
Fazit
Koppen und Weben sind keine Makel. Sie sind auch kein Beweis dafür, dass „alles schlecht läuft“.
Sie sind Hinweise: auf innere Zustände. und auf die Bedingungen, unter denen ein Pferd lebt.
Wer Verhalten verstehen möchte, kommt nicht darum herum, sich mit Stress, Regulation und Lebensumständen auseinanderzusetzen.
Und genau dort beginnt aus meiner Sicht verantwortungsvolle Pferdearbeit.
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